RADSPORT: UCI Grand Fondo World Championships 2018

Ein Bericht von Jochen Keiler:

Sonntag, endlich trocken, stehe ich 7:30 in meinem Start-Gatter.
15 Grad, noch 1 Stunde warten, Warmzittern.
Nach all dem hin+her gewiege, heute natürlich keine Gewichtskontrolle.
Die Sieger + wenige Andere müssen nachher zum Dopingtest.

 

Das Rennen vor dem Rennen geht so:
Die Damen vor uns rücken vor, unser Gatter wird geöffnet, wir sprinten/drängeln in das leere Gatter vor uns, das Rennen um die Start-Positionen.
Das geht so 5,6 mal, bis wir endlich an der Startlinie stehen.

Die ersten 13km bis zu Anstieg sehr hektisch, drängelich, Kampf um eine gute Position, wenns dann hochgeht.
Ich sehe Rottler immer vorne im Feld, komm da aber nie hin, weil ich nicht in den Wind will.

In den Anstieg etwa Position 30-40, und ich kann mich etwas vorarbeiten.
Im letzten Drittel wirds mühselig, kann nur noch mein Tempo fahren, falle zurück.
Dann noch eine Serpentine, MIST, ich dachte ich wär schon weiter.
Aber dann bin ich plözlich doch schon oben.

Im Rennen fühlt sich die ganze Strecke total anders an, als beim Probefahren, da leidet die Orientierung erheblich.
Das waren 340 Höhenmeter, 4km lang, bis 10%,
ich: Platz 33, 2 Minuten hinter der Spitze, 1 Minute hinter Hickl, 20 Sekunden hinter Rottler.
gefühlt wars furchtbar, im Ergebnis dann doch nicht so schlecht.

Jetzt gehts auf 10km 500m bergab, bis -9%, an den Luganer See.
Erst nur 1-spurig eng, sehr kurvig, 2mal stehe ich gerade so, kurz hinter dem Asphalt.
Das ist total aufregend, macht auch Spass, volle Querlage, in die Bremsen bis es heftig nach heisser Carbon-Felge stink.
Dann breiter, volle Power runterrasen, nur 4,5 Leute in meiner Nähe, ich will zu der vor mir unsichtbaren Gruppe.
Mit viel Kraft erreiche eine Gruppe vor mir, von hinten kommen Viele nach, auch schon viele Frauen dazwischen.

Bald kommt Anstieg 2 und ich kann von Anfang an nur mein Tempo fahren, falle zurück, noch nicht erholt von Anstieg 1 + Aufholjagt.
KM 33, 230 Höhenmeter, bis 8%
Als es oben flacher wird kämpfe ich lange und hart, um die wenigen Meter bis zur Gruppe vor mir, und ums Dranbleiben.
Kurz hätte ich gerne rausgenommen und Sie fahren lassen.

Bald gehts auf kleinen engen Strassen bergab, bergauf, durch Dörfer, wieder schöne Raserei und jagen um die Kurven.

Bosco Valtravoglia, KM 48:
Position 25, 3 Minuten hinter der Spitze, 1 Minute hinter Hickl, Rottler im Feld vorne vor mir.

Das Damen-Feld liegt hinter uns, aber jetzt wirds noch voller.
Die jüngeren Gruppen, die 130 km fahren, sind wieder auf unserer Strecke, und ab jetzt sehe ich nur noch vereinzelt meine Leute.
Die müssen da vorne im Feld sein, doch in den Wind will ich nicht, es kommen noch genügend Höhenmeter.
Wir heizen jetzt im großen Feld diverse Serpentinen runter.
Das ist eng, schnell, man muß mehr bremsen als einem lieb ist.

Am Strassenrand sehe ich ein deutsches Trikot, Rottler mit Defekt?
Bei KM 54 gibts kurz 13%, die kann ich gut hochsprinten.
Anstieg 3 bei km 57, 230 Höhenmeter bis 10%.
Ich arbeite mich da hoch und hab kaum eine Erinnerung mehr daran,
immer nur weiter, dranbleiben.

Ab KM 75 wirds flach, mal kurze Rampen.

Bardello KM 90:
Position 32, 4 Minuten hinter der Spitze ( 5 Leute inc. Hickl), Rottler 9 Minuten hinter mir.

Auf der langen breiten Schnellstrasse Richtung Varese wäre jetzt Gelegenheit nach vorne im Feld zu fahren.
Doch sehe immer noch kaum eigene Leute, und bleibe im Windschatten, und denke an die 3km Anstieg nach Varese hoch.
Das sind noch mal 130 Höhenmeter mit mal kurz 8%, und der Anstieg war beim Probefahren gefühlt ewig lang.
Da kneift es dann natürlich auch noch mal, aber plötzlich bin ich schon oben, an dem bekannten Kreisel, und es sind nur noch flache 1000m.
2 Leute kann ich noch überholen, den Sprint um Platz 22 gewinnen und dann ist es vorbei.
103 km 2:59 Stunden, 34,5 km/h, Platz 22

Erst etwas enttäuscht über dieses undurchsichtige/unentschlossene Ende.
Es wären noch ein paar Plätzchen besser drin gewesen, aber es kann nicht immer so perfekt laufen wie in Görlitz.

Gelernt:
– lange Berge muß man trainieren (können), oder hilft 10xWestensee am Stück?
– keine Angst bergab und durch die Kurven, volle Kanne + Spaß haben, bremsen bis die Felge qualmt.
– mal Risiko mit Mut zur Lücke. Mal die Anderen die Nachführarbeit machen lassen.
– (nicht ganz überraschend) Es gibt Leute da Draussen, die sind einfach besser, ohne jede Chance für mich (fast). Hickl, für mich hier uneinholbar, war ja auch in Görlitz dabei.

Das Ganze eine typisch kommerziell organisierte Großveranstaltung mit all ihren Nachteilen, viel Brimborium drum rum.

Was für eine Aktion, 5 Tage, 2x1200km, für 100km Radfahren vom feinsten + ein bißchen Bella Italia.
Ich werds nicht so schnell vergessen.

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